Karuna Kompass

Spar dir dein Mitleid

No1
Sommer 2017

In Aldous Huxleys Roman "Eiland" haben die Inselbewohner der fiktiven Insel Pala den dortigen Vögeln beigebracht, das Wort Karuna zu rufen, um die Menschen an Mitgefühl und Achtsamkeit zu erinnern.

Genau das setzt sich auch der 1990 gegründete KARUNA e.V. zum Ziel. Mit dem Fokus auf Kinder und Jugendliche in Not setzt die Organisation in all ihren unterschiedlichen Einrichtungen und Aktivitäten auf menschliche Nähe und Empathie und bietet so Schutz und Geborgenheit in einer zunehmend destabilisierten Welt, die längst nicht mehr nur auf Kinder und Jugendliche bedrohlich wirkt, sondern auf uns alle.

In Zeiten, in denen in Deutschland 80 000 Jugendliche auf der Straße leben, hilft Mitleid nicht weiter. Wir brauchen Menschen, Theoretiker und Aktivisten, die als eine Art humanistischer Seismograph Erschütterungen in unserer Gesellschaft messen, damit wir gemeinsam darüber nachdenken, in welcher Welt wir morgen leben wollen.

Doch wo fangen wir an? Viele unserer gesellschaftlichen Missstände wurzeln in den maßlos strikten Methoden elterlicher Erziehung — denn sie ist der Schlüssel zu einer gesunden Zivilgesellschaft. Diese Zeitung strebt einen Paradigmenwechsel in Fragen der Erziehung an, ein pädagogisches Umdenken für unseren Umgang miteinander. Wie die Vögel der Insel Pala soll der Karuna Kompass auf diesem ambitionierten Weg an unsere eigene Verantwortung erinnern.

„Solange Du deine Fuesse unter meinen Tisch stellst“

Autonomieentwicklung statt Erziehung

Es herrscht ein gewisses Grundverständnis von dem, was man Erziehung nennt. Per Definition versteht man darunter „alle Maßnahmen, die Kindern und Jugendlichen die Fähigkeiten vermitteln sollen, die sie im Leben brauchen“. Entgegen aller vielschichtigen, pädagogischen Definitionen des Begriffs, versteht man als übergeordnetes Ziel elterlicher Erziehung vorwiegend eins: Anpassungs- und Anschlussfähigkeit an die Mehrheitsgesellschaft und ihre ökonomischen Verhältnisse.

Wie gefestigt und sicher ein junger Mensch im Leben steht, entscheidet sich bereits innerhalb der ersten fünf Lebensjahre. Kann aufgrund mangelnder elterlicher Zuwendung innerhalb dieser ersten fünf Jahren kein Urvertrauen aufgebaut werden, entwickeln sich Bindungsstörungen, die den Übergang zur soziokulturellen „Geburt“ erheblich erschweren: der junge Mensch hat Schwierigkeiten, seine Identität, sein Vertrauen, sein Selbstbewusstsein und seine Autonomie auszubilden.

Diese Entwicklungsstörungen bringen es mit sich, dass das emotionale Alter eines Jugendlichen in vielen Aspekten weit unter dem biologischen Alter liegt. Der Anpassungsdruck unter Liebesentzug entfremdet vom eigenem Ich, vom eigenen Körper. Bulimie, Anorexie, dissoziative Störungen, selbstverletzendes Verhalten und die Borderline Störung sind Auswirkungen des Verlustes der Suche nach dem eigenen Ich. Der Schweizer Psychologe und Psychoanalytiker Arno Gruen erklärt, dass Gewalt, Zerstörungswut, Drogenkonsum und selbstverletzende Verhalten auf tiefem Selbsthass gründen, welcher wiederum in unzureichender Elternliebe wurzelt. Elterliche Erziehung, dessen Ausdruck von Liebe und Zuwendung an harte Bedingungen geknüpft sind, sind der Ursprung einer misslungenen Autonomieentwicklung bei Kindern und Jugendlichen.

In unserem Blickfeld sind Kinder, Jugendliche und Familien, denen die Grundlage zur freien Entfaltung ihrer Persönlichkeit genommen wurde. Diese Menschen leben zum Teil bereits als Kinder von Transferleistungen, erkranken häufiger, haben Suchtprobleme und leben in relativer Armut. KARUNA bedeutet Zuwendung, Geborgenheit und Schutz – hier in Deutschland und überall auf der Welt. Für uns ist das Streben nach individueller Freiheit das Ziel, gepaart mit der Verantwortung für den Anderen. Die Wege dahin sind vielfältig, die Methoden auch.

Nicht die Anpassungsleistungen eines Menschen muessen wir wuerdigen, sondern seine Authentizitaet

Anerkennung statt Belohnung

In Familien eskaliert der Anpassungsdruck unter Liebesentzug mit all seiner Symptomatik nicht selten mit dem Einsetzen der Pubertät. Die Jugendlichen sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, gegen die Eltern zu rebellieren, und dem Wunsch nach deren Liebe und Zuwendung. Die Motivation Kinder- und Jugendlicher, diesen Mangel an Autonomieentwicklung durch ein anti-soziales Verhalten auszugleichen, wird häufig missinterpretiert. Hinter solchen Verhaltensmustern verbirgt sich oft die Hoffnung des Kindes auf die Wiederkehr mütterlicher Fürsorge und Liebe. Bestrafen Eltern, Lehrer, Erzieher oder Sozialarbeiter ein solches Verhalten, töten sie damit auch die kindliche Hoffnung auf Geborgenheit.

Der Liebesentzug als Mittel und bestrafende Intervention zur Korrektur des anti-sozialen Verhaltens fußt auf der Grundannahme Sigmund Freuds, dass der Mensch unfertig auf die Welt kommt und von seiner gesellschaftlichen Umwelt geformt wird. Auch Karl Marx und Herbert Marcuse gehen davon aus, dass der freie Mensch nur aus einer ökonomisch und sozial funktionierenden Gesellschaft entwachsen kann. Daniel Stern, Arno Gruen, E.H. Erikson, Donald Winnicott sowie der Psychoanalytiker und Philosoph Erich Fromm verweisen jedoch auf den fundamentalen Irrtum dieser dominanten gesellschaftlichen Weltanschauung. So sagt Gruen: „Die Annahme, dass der Mensch ausschließlich von äußeren Umständen determiniert ist, entspricht einem kulturell reduzierten Bewusstsein, das nur in Dimensionen der Macht denken kann“. Laut Fromm handelt es sich hierbei um eine: „Ideologie der Anpassung“.

Stern, Gruen, Erikson, Winnicott und Fromm richten sich gegen traditionell orthodoxe, psychoanalytische Therapiekonzepte, die ihr Ziel darin sehen, verpasste Sozialisationsmaßnahmen nachzuholen, um jugendliche Patienten „realitätstauglich“ zu machen. Stattdessen plädiert Gruen für eine spürbar einfühlsame Herangehensweise, die den Jugendlichen selbst genug Raum lässt, um für ihre eigene Würde und Autonomie zu kämpfen. Wir müssen in Kindern und Jugendlichen die Reste ihrer persönlichen Identität erkennen und hervorheben – nur aus diesen können sie wieder wachsen und genesen. Übernimmt man im Umgang und der sozialen Arbeit mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen unreflektiert bestimmte kulturellen Normen und deklariert diese zum Maßstab, wird man zum Erfüllungsgehilfen eines Systems, das auf Unterwerfung und Entmündigung abzielt.

Wenn wir in der Jugendhilfe die Angebote an staatlichen und privat finanzierten Hilfeleistungen weiter an die Erfüllung bestimmter Förderungskriterien knüpfen, setzen wir das Trauma, das Kinder- und Jugendliche Zuhause erfahren haben, fort und verstärken das Problem, anstatt es zu beheben. In Deutschland erhalten ca. 1 000 000 Kinder und Jugendliche inner- und außerhalb der eigenen Familie Unterstützung durch das Jugendamt. Ca. 80 000 Jugendliche fliehen aufgrund von psychischer und physischer Gewalt aus ihren Elternhäusern und leben ohne Obdach auf der Straße. Sie laufen von Zuhause weg, weil es Streit gab, aber auch weil sie körperliche Gewalt und sexuellen Missbrauch erleiden mussten, ihre Eltern Alkohol- oder Drogenkrank sind oder an einer unbehandelten psychischen Erkrankung leiden. Seit der Gründung von KARUNA im Jahr 1989 steht diese Gruppe junger Menschen im Mittelpunkt unserer Bemühungen. Es gilt ihr Überleben zu sichern, ihr Vertrauen zu gewinnen und verlässliche, langfristige Beziehungen zu ihnen aufzubauen.

Das aufzubauende Verhaeltnis muss einer liebvollen, emotional gesunden, lebensbejahenden Familie entsprechen, die Konflikten mit bedingungsloser Liebe begegnet

Begleiten statt Helfen

Das Sich-Einfinden von Kindern und Jugendlichen im Umfeld Erwachsener Menschen außerhalb der gebrochenen Kernfamilie ist als eine Suche nach dem eigenen Urvertrauen zu deuten. Eine Aufnahme in ein solches Erwachsenenumfeld ist wichtig und entscheidend, da es die fehlende Erfahrungen des Kleinkindes, auf natürliche Weise in die Familie aufgenommen zu werden, rückwirkend reproduziert und erfahrbar macht. Die Möglichkeiten einer rückwirkenden Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Bindungsstörungen außerhalb der eigenen Kernfamilie sind jedoch in unserer Gesellschaft kaum gegeben.

Bei einer solchen Inklusion ist es besonders wichtig, die individuelle Integrität des jungen Menschen zu achten. Jegliche Form der Beziehungsgestaltung sollte stets offen und sichtbar erfolgen und thematisiert werden dürfen, um neu entstandene Beziehungen vor Missbrauch zu schützen. Es gilt an den frühkindlichen Entwicklungsraum anzuknüpfen, dort wo die Kinder ursprünglich von ihrem eigenen Ich entfremdet wurden, und mit ihnen an den imaginären Punkt der Verwerfungen zurückzukehren. Dazu benötigen die Jugendlichen menschliche Zuwendung ohne zeitliche Begrenzung, Schutz, Geborgenheit, Sicherheit, eine Wahrhaftigkeit des Gegenübers, offene Verhältnisse, eine absolut authentische Hingabe der neuen Bezugsperson mitsamt seiner ganzen Persönlichkeit. Gelingt dies, erleben wir Momente, wie sie sonst nur in intakten Familien zu erfahren sind. Dadurch vermittelt wird das Gefühl einer zuvor unbekannten Geborgenheit, das seine heilende Wirkung durch den Aufbau neuer, sicherer Bindungserfahrung entfalten.

Das Kinder und Jugendliche eine solche neue Bindungserfahrung oft offen einfordern, ist ein Zeichen für eine klare Intuition, eine gesunde neue Beziehung und Ausdruck eines natürlichen, zugewandten Verhaltens. In guten pädagogischen Settings suchen die Jugendlichen in den neuen Bezugspersonen familiäre Gleichnisse und verleihen ihnen familiäre Namen wie Mutti, Papi, Bruder, große Schwester und Opa. Auch Kosenamen sind fester Bestandteil der Umgangssprache, ähnlich wie es auch zwischen Eltern und Kindern in intakten Familien alltäglich ist.

Durch neue erwachsene Bezugspersonen – Nachbarn, Großeltern, Sozialarbeitern oder auch Therapeuten – können junge Menschen lernen, Vertrauen in diese neu gefundene Bonusfamilie aufzubauen. Innerhalb dieser neuen Bonusfamilie gibt es jemanden, der ihnen zuhört, ihre Erlebnisse aufnimmt und strukturiert, um ihnen diese in abstrahierter Form widerzuspiegeln, und somit einen Raum für seelische Erleichterung schafft.

Die KARUNA Mitarbeiter verstehen sich nicht als Helfer, sondern als Begleiter des Jugendlichen durch eine Lebenskrise. In einem zweiten Schritt – nach dem sichern der Existenz – gilt es die seelische Gesundheit zu fördern. Dann können Schule und Ausbildung gelingen und der Wunsch nach Teilhabe, Selbstverwirklichung, Glück und Unabhängigkeit wird individuelle und gesellschaftliche Realität.

Hinaus gehen in die Realitaet, sich durch das Tun die Welt aneignen. seine Wirksamkeit spueren, Resonanz erfahren und innerlich wachsen

Autodidaktisch statt Belehrend

Viele Kinder und Jugendliche wurden in ihrer Erziehung stark belehrt und mit Liebensentzug gestraft. Unter einem solch hohen Anpassungsdruck leidet vor allem die Potenzialentfaltung eines jungen Menschen. Zu was für einem Menschen hätte man heranwachsen können, wenn man als Kind nicht in einem so hohen Ausmaß belehrt worden wäre? Welche Potenziale wurden nie geweckt?

Der Leistungsmaßstab für junge Menschen ist hoch und wird nicht zuletzt in schulischen Systemen zunehmend gefördert. Der Raum für die Entwicklung einer eigenen Autonomie ist somit stark eingegrenzt. Oft argumentieren Eltern, die vorwiegend belehrenden Erziehungsmaßnahmen verfolgen, damit, dass auch ihnen eine strenge Erziehung gut bekommen sei. Doch hier stellt sich die Frage, welche Potenziale auch sie aufgrund ihrer eigenen Erziehung nie entfalten konnten?

Oft sind junge Menschen, die aufgrund von physischem und emotionalem Missbrauch zuhause weglaufen, auf der Suche nach einem Ort, an dem sie sich selbst neu entdecken können. Dafür bedarf es einen neuen, geschützten Raum, indem sie ihre innewohnenden Potenziale entfalten können. Das, was in Kommunen mit dem Ansatz der Sozialraumorientierung angestrebt wird, jedoch vielerorts durch einen sozioökonomischen Strukturwandel und Gentrifizierung ganzer Stadtteile erschwert wird, braucht ein neues Forum, einen neuen Ort, an dem sich Menschen unterschiedlichster Couleur begegnen können.

Hierarchielos in der Neueinbindung einer verbindlichen, auf Lebenszeit angelegten Bonusfamilie. Auf der gemeinsamen Suche nach Autonomie, bricht KARUNA die milieuorientierte Sozialarbeit auf und setzt auf wahre Inklusion. Der rote Faden, der sich in all den Aktivitäten abbilden soll, ist es, junge Menschen und Kinder frühzeitig in die eigene Verantwortung zu bringen und sie dabei zu begleiten. Herzlich, emphatisch, damit sie groß, stark, selbstbewusst und Demokratie liebend sind.

Haeufig sind jene Menschen, deren eigene Biografie sie zunaechst an den Rand der Gesellschaft getrieben hat, diejenigen denen es spaeter moeglich ist mit einem unverfaelschten, kritischen Blick Missstaende im System fruehzeitig zu identifizieren

Aktive Mitgestaltung statt Fremdbestimmung

Das Jugendliche mit Bindungsstörungen, die es geschafft haben, sich ihre angeborene Empathie zu erhalten, oft Sozialarbeiter werden wollen oder in anderen karitativen Berufen tätig werden, speist sich aus ihren eigenen biografischen Erfahrungen. Diese Kinder und Jugendlichen mussten frühzeitig lernen, auf andere zu achten (z.B. auf den Vater, der zu viel Alkohol trinkt oder die psychisch kranke Mutter). Selbst waren sie dabei diesen destruktiven Strukturen ohnmächtig ausgeliefert.

Diese Beobachtungsgabe, diesen Kampf um die eigene Autonomie und die konstante Verteidigung des eigenen Ichs in einem beruflichen Umfeld plötzlich gewinnbringend einsetzen zu können, lässt das ursprüngliche Gefühl der Ohnmacht allmählich schwinden und schafft neuen Platz für ein Gefühl des positiven Erfolgs. Der Einsatz eines solchen Selbsthilfemodus erfordert eine starke Persönlichkeit, die häufig jene empathischen Sozialarbeiter hervorbringt, von dessen Arbeit unsere gesamte Zivilgesellschaft profitiert.

Im Hinblick auf neue Problematiken, die sich durch politische Versäumnisse im Laufe des gesellschaftlichen Wandels ergeben, gilt es, diese Persönlichkeiten als wichtige Schlüsselfiguren wahrzunehmen. Ihre Stimme gilt als wertvoller Beitrag in einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu den Ursprungsproblemen sozialer Ungerechtigkeiten.

Aus diesem Grund plädiert KARUNA für die Inklusion Kinder und Jugendlicher in Gruppen und Sozialgenossenschaften mit dem Ziel, nach neuen Lösungsansätzen für eine gemeinschaftliche Führung und Gestaltung zu suchen. Hier verweist KARUNA auf die Verfassung und das Kinderjugendhilfegesetz, was vorgibt, Kinder in den Prozess der Gestaltung von Kinder- und Jugendhilfe mit einzubinden und partizipieren zu lassen. Vorschläge und Forderungen für eine bessere Kinder- und Jugendhilfe der jugendlichen KARUNA-Aktivisten werden unter anderem während der jährlichen „Konferenz der Straßenkinder“ diskutiert und präsentiert.

Konsens vs. Karuna

  • Konsens
  • Distanz
  • Sozialarbeiter
  • Theorie
  • Helfen
  • Mitleid
  • Belehrend
  • Systemtreu
  • Fremdbestimmung
  • Belohnung
  • Anschlussfaehigkeit
  • Leistungsgesellschaft
  • Karuna
  • Naehe
  • Bonusfamilie
  • Intuition
  • Begleiten
  • Empathie
  • Autodidaktisch
  • Freiheitlich
  • Selbstbestimmung
  • Anerkennung
  • Gestaerktes Ich
  • Potenzialentfaltung

„Es ist wichtig, dass man jungen Menschen Faehigkeiten zutraut. Das man sie darin bestaerkt, bedeutende Vorhaben zu bestreiten.“

Interview mit Jörg Richert

Jörg Richert arbeitet seit fast 30 Jahren mit Kindern und Jugendlichen – also im Grunde genommen seitdem er selbst ein Jugendlicher war. Auch mit 53 Jahren bleibt das, was seine Arbeit ausmacht, beständig: Nähe. Damals wie heute machen Richert seine Authentizität und seine stark inhaltliche Arbeit zu einem ausgezeichneten Advokaten für ein Thema, das noch lange nicht die Aufmerksamkeit erfährt, die es braucht: die Zukunft von Kindern und Jugendlichen in Not.

Jörg, bei KARUNA bist du seit der ersten Stunde. Wie lange gibt es die Organisation schon?

Wir sind jetzt 27. Am 26. Juni 1990 haben wir KARUNA gemeinschaftlich mit Jugendlichen aus verschiedensten Jugendfreizeiteinrichtungen gegründet — in den Umbruchzeiten der Deutschen Demokratischen Republik waren diese Jugendhäuser unser wichtigstes Netzwerk.

Damals hatten wir Sorge, dass die Jugendclubs der FDJ, die für die Sozialisation von jungen Menschen eine wichtige Rolle spielten, geschlossen werden. Zwar wurden Jugendclubs nie verboten – trotzdem war unsere Angst vor der Schließung solcher Einrichtungen sehr groß. Kulturelle Institutionen dieser Art waren zu der Zeit politisch stark ausgehöhlt und ohne Lobby. Damals saß ich am Zentralen Runden Tisch der Jugend, um die Anschlussfähigkeit informeller DDR-Jugendgruppen und neuer Jugendorganisationen im Übergang des politischen Systems mit zu diskutieren und zu gestalten. Den KARUNA-Verein gründeten wir – wenn man so will – als Praxisinitiative, um die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Heute wiegt so eine Vereinsgründung nicht mehr so schwer, aber damals war das nahezu spektakulär, da es in der DDR kein Vereinsgesetz gab. Später, in den Zeiten der Übergangsregierung, war eine Gründung möglich, und so waren wir eine der ersten Vereinseintragungen überhaupt. Damals hieß KARUNA noch „Freizeit ohne Drogen e.V.“ – über diesen Namen mussten wir und auch die Jugendlichen oft schmunzeln (lacht).

Hattet ihr aufgrund der vielen Restriktionen in der DDR Probleme die Ziele und Träume des Vereins zu realisieren?

Wir haben versucht, die Spielräume auszuweiten. Nur so konnte Freiheit entstehen. Auch unter den misslichen Bedingungen der DDR waren Dinge möglich. Es wurde Selbstbestimmung von Jugendlichen eingefordert, die heute leider weder in Schultexten noch in sonstigen Geschichtsbüchern festgehalten sind. Oft haben wir es gemeinsam geschafft, systemimmanente und doch kritische Aktionen durchzuführen.

Eine solche Aktion starteten wir beispielsweise in meinem damaligen Jugendclub Bernhard Bästlein – benannt nach einem Antifaschisten, jedoch von uns inoffiziell nur „BBC“ genannt, was den Offiziellen natürlich ein Dorn im Auge war (grinst). Es begann alles damit, dass sich die Jugendlichen darüber beklagten, dass man außerhalb der staatlich verordneten Feiertage nicht demonstrieren konnte, denn neben Tagen wie dem 1. Mai oder der jährlichen Gedenkfeier für Rosa Luxemburg waren in der DDR eigens angemeldete Demonstrationen undenkbar. Wenn man beispielsweise am 3. Mai für den Weltfrieden demonstrieren wollte, hat man dafür keine Erlaubnis bekommen. Die SED-Genossen hatten Angst ohne Ende und wollten die Kontrolle behalten. Das hat uns natürlich gestört, und es hat mich auch selbst gereizt, dagegen etwas zu unternehmen (lacht).

Nach anfänglichen Schwierigkeiten und vielen Gesprächen, die ich selbst mit Leuten von der Staatssicherheit und dem Ministerium des Innern führen musste, gelang es uns, eine Demonstrationserlaubnis zu bekommen. Damals fühlte ich mich wie ein Diplomat in eigener Sache – das war ein unglaubliches Erlebnis für uns alle. Wir haben die Demonstration mit über hundert Jugendlichen durchgeführt. Von der Polizei haben wir eine Eskorte bekommen: vorne und hinten Motorräder mit Blaulicht und in der Mitte unser Fahrradkorso. Wir haben Transparente aufgestellt und selbstgemachte Fahnen wehen lassen. Tagelang haben wir Plakate gemalt – darauf stand dann zum Beispiel „Petting statt Pershing“ (lacht). Und damit sind wir dann auf die Straße. Zum Staunen aller, die uns gesehen haben, aber auch zum Staunen unseres jugendlichen Selbst. Plötzlich haben wir gemerkt, dass wir so eine „Verkrustung“ auch aufbrechen können. Uns wurde klar, dass wir sehr wohl in der Lage sind, unsere freiheitlichen Rechte auch einzufordern. Wir haben verstanden, dass wir selbst souverän sind.

War diese Demonstration also eine Art Schlüsselerlebnis für dich?

Eines von vielen vielleicht. Es gibt unendlich viele Geschichten. Man hat mit irgendetwas begonnen – es geht ja auch gar nicht anders – und hat dann Stück für Stück gemerkt, dass allerhand möglich war. Klar erlebten wir auch Rückschläge, aber im Großen und Ganzen wurde unser Ringen um Selbstbestimmung als etwas sehr Positives wahrgenommen.

Vor ein paar Jahren haben wir uns alle einmal wiedergetroffen. Es kamen rund hundert Leute. Inzwischen sind wir alle erwachsen – viele von uns sind nun selbst Mütter und Väter. In unseren Gesprächen merkte man, dass die damalige Zeit für alle Beteiligten viele einschneidende Erlebnisse mit sich gebracht hat, die für die Stabilität unseres Lebens heute noch immer eine wichtige Rolle spielen. Rückblickend hat es mich zu Tränen gerührt – damals war mir die Bedeutung unserer Aktivitäten, besonders auf der individuellen Ebene, gar nicht so bewusst. Einige sagen, dass ihnen ihre Erfahrungen rund um den „BBC“ eine gewisse Resilienz gegeben haben. Mit der Wende haben viele Menschen in der DDR ihre Jobs verloren und mussten sich völlig neu orientieren. Das gemeinschaftliche Erlebnis, sich Freiräume neu erobern zu können, hat vielen von uns in dieser Phase Hoffnung und Halt gegeben. Auch später haben unsere Erfahrungen und die besonderen und sehr engen Beziehungen, die in dieser Zeit geknüpft wurden, uns wesentlich im Leben geholfen.

Unterscheidet sich deine heutige Arbeit stark von früher?

Heute setzen wir diese Arbeit fort. Im Grunde war die Zeit damals ein Vorzeichen von KARUNA heute, für mich gibt es hier keinen Bruch. Natürlich ist es nun alles etwas anders: wir haben erschwerte Rahmenbedingungen, die sich aus der Globalisierung und der daraus resultierenden Unüberschaubarkeit ergeben. In der DDR gab es viele Restriktionen, aber die systemischen Strukturen waren eben gut überschaubar.

Zurzeit habe ich Sorge, dass sich meine Gedanken verflüchtigen und keinen Halt mehr finden. Und manchmal fällt es mir selbst schwer – obwohl ich ja ganz gut erprobt bin – inmitten dieser hohen Komplexität das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Wir haben in der heutigen Zeit zwar viele Freiheiten, aber berechtigterweise fragen mich viele Jugendliche: „Was nützt uns diese Freiheit, wenn wir nicht gehört werden?“

Du hast schon sehr früh begonnen mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Pädagogik oder ähnliches hast du aber nie studiert, richtig?

Nein. Da bin ich auch froh drüber (lacht).

Die Art wie du mit jungen Menschen umgehst, erfolgt also intuitiv?

Ja, das kann man so sagen. Das liegt natürlich an meiner eigenen Persönlichkeit und Biografie. Als Kind habe ich in einer zerrissenen Familie gelebt, die durch die Ost-West-Unterscheidung der Systeme und Bewohner Berlins selbst geteilt wurde. Wenn meine Großeltern zum Familienfest eingeladen haben, hatte ich immer das Gefühl, dass auch auf unserer langen Familientafel ein Stacheldraht lag. Auf der einen Seite mein Onkel, Mitglied des Zentralkomitees der SED, und auf der anderen Seite mein Vater, der wegen Spionageverdachts monatelang im Stasigefängnis festgehalten wurde. Meine Großmutter hat stets zur friedlichen Koexistenz aufgerufen, dennoch habe ich die Spannungen als Kind deutlich gespürt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich konkret darunter gelitten habe, aber es war definitiv eine Herausforderung, hinter beide Systeme zu schauen, um herauszufinden, was an unserem Familientisch in der Luft lag.

Elf Monate lang saß mein Vater in Stasiuntersuchungshaft – so hat uns seine eigene Traumatisierung gleich mitgerissen. Die Zerrissenheit, die ich in meiner Familie erfahren habe, war definitiv stark politisch determiniert, aber natürlich ist das nur eine Schicht von vielen …

Wie kam es dann zu deinem frühen Engagement mit anderen Kindern und Jugendlichen?

Wir lebten in der Frankfurter Allee Süd, gegenüber dem Ministerium für Staatssicherheit, und wenn ich meine Mitschüler besucht habe, tauchte ich immer in eine völlig andere Welt ein: Dort hingen Uniformen der Staatssicherheit im Flur. Bei uns zu Hause war das ganz anders – ein extremes Spannungsverhältnis also. Als ich 16 Jahre alt war, habe ich die Pfarrstraße in Lichtenberg entdeckt – eine zu DDR-Zeiten völlig heruntergekommene Altbausiedlung mit vielen leer stehenden Wohnungen. Dort haben wir dann mit Studenten, die wesentlich älter waren als wir, einen „Klub der Werktätigen“ gegründet. Wir haben unbewohnte Räume besetzt und als kulturellen Treffpunkt genutzt. Mit dem Sozialdiakon haben wir damals auch Kindernachmittage organisiert. Dazu wurden dann immer Arbeitsgruppen einberufen: Gemeinsam mit einem Freund habe ich die Gestaltung der Nachmittage mittwochs geplant und donnerstags durchgeführt, wenn uns die Mütter und Väter aus dem Kiez ihre Kinder gebracht haben. Die meisten lebten in sehr schwierigen sozialen Verhältnissen.

Wir haben freie Kinderspieltage organisiert – darauf wäre ich selbst gar nicht gekommen, wenn mein Freund Ronny, eine geschasster Sozialdiakon, nicht so viele Ideen gehabt hätte. Schnell wurde mir klar, dass ich nicht länger Stuckateur werden wollte. Die Ausbildung habe ich aber zum Glück noch fertig gemacht, denn vieles von dem, was ich gelernt habe, kann ich bis heute gut einsetzen. Seit den Anfängen in der Pfarrstraße wusste ich, dass ich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten möchte. Ich habe mich dann als Jugendclubleiter beworben und sofort eine Stelle bekommen. Plötzlich war ich mittendrin.

Bereits mittendrin hast du über die Jahre also deine eigene Methodik in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen gefunden. Hast du dich zusätzlich auch mit pädagogischen Theorien aus der Erziehungswissenschaft auseinandergesetzt?

Während der Wendezeit wurden wir oft von Westberliner Kollegen aus der sozialen Arbeit und Suchthilfe gefragt: „Nach wem arbeitet ihr eigentlich?“ Ich wusste darauf nie eine Antwort. Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt gelegentlich Bücher von Janusz Korczak und Anton Makarenko gelesen. Allerdings wusste ich nicht, ob ich mich, wenn ich den Westkollegen nun Korczak nenne, sofort ins Aus katapultiere (lacht). Natürlich war unser theoretischer Background anfangs sehr DDR-geprägt. Bei KARUNA kamen alle pädagogisch recht orientierungslos aus ganz normalen Berufen oder aus dem Studium. Alle wollten etwas für Kinder und Jugendliche tun. Viele von uns kamen aus dem Jugendclubbereich und einige haben sich später über Fortbildungen weiterqualifiziert, sind Sozialarbeiter oder Erzieher geworden.

Wir haben dann sehr schnell begonnen, direkt mit Jugendlichen zu arbeiten, die von zu Hause weggelaufen waren. Berlin wirkte zu der Zeit wie ein Magnet auf Straßenkinder, von denen viele Schutz in den besetzten Häusern im Osten der Stadt fanden. Unser Ansatz war simpel: Wir waren einfach bei ihnen – als Bonusfamilie, wenn man so möchte. Die Wirksamkeit einer solchen Herangehensweise hatten wir ja bereits in der DDR erprobt.

Wie habt ihr die Zusammenarbeit in dieser Zeit erlebt? Warum entscheiden sich Kinder und Jugendliche für ein Leben auf der Straße?

Viele Jugendliche nahmen Drogen und machten allerhand Dinge, die nicht als gesellschaftlich adäquates Verhalten gewertet wurden. Natürlich fragt man sich: „Warum machen die das?“, doch sobald man die Person kennenlernt, versteht man sehr schnell, dass sich dahinter ein kompensatorisches Verhalten verbirgt, das häufig an den Tag gelegt wird, wenn biografisch etwas überhaupt nicht aufgeht. Keine Liebe, keine Geborgenheit, stattdessen Gewalt, alkohol- und drogenabhängige Eltern, die unter schweren Depressionen leiden. Kinder aus solchen Familien werden zur Anpassung erzogen und mit Liebesentzug bestraft.

Wir glauben, dass wir es mehrheitlich mit sehr sensiblen jungen Menschen zu tun haben. Gerade weil sie so sensibel sind, suchen sie den Ausweg aus einem Leben unter Fremdbestimmung und Gewalt — psychisch wie auch physisch. Erniedrigungen wie „du bist sowieso dumm“ und Gleichnisse wie „du bist ja genauso versoffen wie dein Vater“ sind in gebrochenen Familien an der Tagesordnung. Oft brechen Kinder und Jugendliche aus, um nach ihrer eigenen Identität, fernab der Familie, zu suchen. Diese Suche nach dem Selbst wird jedoch von der Dringlichkeit der Suche nach Obdach verdeckt und deshalb gesellschaftlich nicht diskutiert. Wir reden zu wenig über die Ursachen.

„Gesellschaftlich haben wir zu viel Absicht junge Menschen in Veraenderung zu bringen, anstatt erst einmal hineinzuhorchen, mit wem wir da gerade sprechen.“

Was sind eure Ideen und Lösungsansätze in diesen Fällen?

Wenn jemand auf der Suche nach Halt ist, ist es wichtig, auf soziale Arbeit zu stoßen. Anlaufstellen und Streetwork sind essenziell. Hier ist es besonders aufschlussreich zu reflektieren, was genau passiert, wenn diese jungen Menschen wieder auf Erwachsene treffen. Wie bieten wir uns da eigentlich an? Als Hochprofessionelle? In der Distanz? Hier der Sozialarbeiter, dort der Klient? Oder vielleicht doch intuitiv, mit viel Gefühl und vor allem auf Augenhöhe?

Gesellschaftlich haben wir zu viel Absicht, diese jungen Menschen in Veränderung zu bringen, anstatt sich erst einmal an der Persönlichkeit des anderen zu erfreuen und sich gegenseitig kennenzulernen. Das System fordert Anschlussfähigkeit – und das schnell: Schule, berufliche Ausbildung, dann das eigene Geld verdienen. Im Grunde genommen will man rasch sicherstellen, dass sich niemand zu lang in die soziale Hängematte legt. Tatsächlich habe ich aber in all den Jahren noch niemanden getroffen, der überhaupt in der sozialen Hängematte liegen möchte. Das bedeutet folglich, dass auch die Annahmen über die Zukunftswünsche dieser Kinder und Jugendlichen grundlegend falsch sind.

Einmal gefestigt, ist es schwierig solch gesellschaftlich stark verbreiteten Missdeutungen und Fehlannahmen entgegenzuwirken. Wo fängt man an?

Mit der Frage nach dem gesellschaftlichen Bild entkoppelter Kinder und Jugendlichen vertiefte sich mein persönliches Interesse für Psychologie und Verhaltenstheorie. Was haben denn die Begründer der Psychoanalyse eigentlich dazu gesagt? Was sagen denn die Verhaltensforscher? Was die Ethnologen? Wie geht es eigentlich in anderen Kulturen zu? Was sagt die Philosophie? Letztendlich trifft man auf einen systemischen Streit, der als Leitbild in zwei prägenden Verhaltensforschern mündet: Freud versus Fromm. Obwohl Fromm immer wieder betont, dass er Freuds Beiträge sehr schätzt, hinterfragt er einige Grundannahmen der Freud’schen Psychoanalyse.

Freuds Theorien beruhen auf der Grundannahme, dass Menschen durch ihre Umwelt geformt werden und wir folglich „unfertig“ auf die Welt kommen. Eine gewisse Anpassungsfähigkeit und grundsätzliche gesellschaftlich festgelegte Normen und Regeln müssen, so Freud, erst anerzogen werden. Letztendlich beruht unser gesamtes gesellschaftliches Erziehungsbild auf dieser Annahme.

Hier hält Fromm dagegen. Seine Theorien beruhen auf der Vorstellung, dass wir bereits hochempathisch auf die Welt kommen. Eine sehr gute Umgebung ist enorm wichtig, um diese Empathiefähigkeit zu erhalten, jedoch keine Grundvoraussetzung für unsere ursprünglichen empathischen Fähigkeiten. Die Problematik, die aus Fromms Grundannahme resultiert, ist somit eine andere: Wir laufen Gefahr, die angeborene Empathie unserer Kinder in den ersten fünf Jahren zu vernichten, indem wir sie im Zuge der Sozialisation zu sehr auf Anpassung trainieren: „Wenn du nicht tust, was ich dir sage …!“ Wir erpressen die Kinder und drohen mit Liebesentzug. Für ein Kind ist so eine belehrende Erziehungshaltung von existenzieller Bedrohung und zugleich mit einem tiefen emotionalen Schmerz verbunden. Wäre unsere gesellschaftliche Aufklärung über die Folgen einer auf Anpassung ausgerichteten Erziehung bereits weiter fortgeschritten, würden sich einige Eltern womöglich anders verhalten. Aber deswegen machen wir ja den KARUNA KOMPASS (lächelt). Hierzu brauchen wir menschliche Seismografen, die uns auf solche destruktiven Dynamiken innerhalb unserer Gesellschaft hinweisen.

Was genau ist ein Seismograph? Und was bedeutet dieser Begriff für dich im Kontext dieser Zeitung?

Ein Seismograf ist zunächst ein tragfähiger Begriff für ein Gerät, das Bodenbewegungen und Erschütterungen registriert und misst. Auch im Kontext dieser Zeitung behält er seine ursprüngliche Messfunktion – zumindest metaphorisch. Denn „gemessen“ werden hier Momente der Erschütterung in unserer gesellschaftlichen Entwicklung und unseren sozialen Strukturen. Wir wollen auf die Dinge hinweisen, die für uns aus humanistischer Sicht keinen Sinn ergeben; weil wir keine Verantwortung übernehmen und aufgrund unseres ständigen Strebens nach vermeintlichem Wachstum unsere Ressourcen so aufbrauchen, dass wir am Ende des Tages unsere eigene Existenz bedrohen.

Im Rahmen des KARUNA KOMPASSes ist ein Seismograf also durchaus kein rein wissenschaftliches Gerät, sondern es sind vielmehr Menschen, Contributer und Autoren, die sich in etwas hineinfühlen. Im Blick ist hierbei stets die Situation von Kindern und Jugendlichen in Not. Sie sind die Seismografen unserer Zeit.

Der KARUNA KOMPASS ist Zeitung und Sprachrohr des KARUNA e.V. Werden bald auch Beiträge von Kinder und Jugendlichen zu lesen sein?

Unbedingt sollen hier Jugendliche zu Wort kommen, aus dem Umfeld von KARUNA und von anderswo.

Wenn man sich in Kinder und Jugendliche hineindenkt, merkt man schnell, dass diese jungen Menschen mit ihrem unglaublichen sozialen Feingefühl die geborenen Seismografen sind. Ich habe so oft erfahren, wie diese Kinder und Jugendlichen schlichtweg über sich hinauswachsen, sobald sie aus vollem Herzen eine wichtige Aufgabe übernehmen. Erst kürzlich waren wir auf einer gemeinsamen Reise in einem Flüchtlingslager in Griechenland, wo zum Teil hochdepressive Jugendliche durch ihre soziale Feinfühligkeit plötzlich zur Hochleistungen auffahren konnten; sie begleiteten Flüchtlinge im Alltag und erfuhren ebenso viel Liebe, wie sie den Menschen dort selbst entgegengebracht haben. Das sind die Momente, in denen man zuschauen kann, wie ein junger Mensch wächst und seine eigenen Fähigkeiten spürt. Oft haben sie auch erstaunlich klare Antworten auf genau jene gesellschaftspolitischen Fragen, die sich uns in dieser Zeitung, vor allem aber natürlich auch allgemein stellen: In was für einer Gesellschaft leben wir? Welche Veränderungen brauchen wir? Was ist zukunftsfähig?

Es ist wichtig, dass man jungen Menschen diese Fähigkeiten zutraut. Dass man sie darin bestärkt, bedeutende Vorhaben zu bestreiten, und dass man ihnen eine Stimme und ein Sprachrohr gibt. Der KARUNA KOMPASS ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung.

Jörg Richert, geb.1963, ist Mitgründer und Geschäfts-
führer von KARUNA – Zukunft für Kinder und Jugendliche
in Not Int. e.V. und Initiator der KARUNA Sozialgenossen-
schaft mit Familiensinn eG. Seit 2016 ist er Ashoka Fellow
und wurde für sein Engagement unter anderem mit dem
Bundesverdienstorden ausgezeichnet. Richert lebt mit sei-
nen zwei Kindern in Berlin.

Geistige Vorbilder

„Identität ist der Schnittpunkt zwischen dem, was eine Person sein will, und dem, was die Welt ihr zu sein gestattet.“

E. H. Erikson

„Selbst ein Leben, das wir anscheinend vertan haben, lässt sich noch rückwirkend mit Sinn erfüllen, indem wir gerade durch die Selbsterkenntnis über uns hinauswachsen.“

Viktor Frankl

„Entschleunigung ist auch keine Lösung“

Hartmut Rosa

„Man darf sich nicht einschränken lassen durch die Beschränkungen seiner Lehrer, Dozenten, Analytiker, Eltern. Ist man das, dann gibt es keinen Raum für Wachstum.“

Wilfried Bion

„Wenn ich bin, dann habe ich dies und das zusammengeholt und habe den Anspruch erhoben, daß ich das bin.“

Donald Winnicott

„Durch die 6000 Jahre alte Geschichte der Kindheit zieht sich wie ein roter Faden die Ablehnung der Lebendigkeit und des Eigenlebens der Kinder.“

Arno Grün

„Ob ein Mensch gesund ist oder nicht, ist in erster Linie keine individuelle Angelegenheit, sondern hängt von der Struktur seiner Gesellschaft ab.“

Erich Fromm

„Alle unsere Irrtümer Übertragen wir auf unsere Kinder, in denen sie untilgbare Spuren hinterlassen.“

Maria Montessori

Das Karuna Dorf

Über Karuna

IMPRESSUM KARUNA Zukunft für Kinder und Jugendliche in Not e.V. Sitz des Vereins: Pfarrstraße 119 10317 Berlin Vorstand: Christian Kaspar Schwarm Jone Szmania Geschäftsleitung nach § 30 BGB: Gabriela Schützler (vertretungsberechtigt) Jörg Richert (vertretungsberechtigt) T: +49 (0) 30 55489529 F: +49 (0) 30 55489527 E: gl@karuna-ev.de Gründungsjahr: Juni 1990 Eintrag ins Vereinregister beim Amtsgericht Charlottenburg VR 11634 B Steuernummer: 27/670/50962 Inhaltlich verantwortlich: Jörg Richert Die Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Verwendungen von Texten, Filmen und Bildern nur mit Genehmigung durch KARUNA gestattet. Für die Richtigkeit von Inhalten externer Links wird keine Haftung übernommen.